Am Anfang war das Problem – Es galt, eine vernünftige Kommunikation« in Multiuser-Realtime-Chatsystemen zu gewährleisten. Um dies zu erreichen muss man sich allerdings ersteinmal überlegen, was denn genau eine »vernünftige Kommunikation« ist, und stößt bereits da auf die ersten Probleme.
Jeder hat durchaus unterschiedliche Ansichten darüber, was man denn unter so einem Begriff zu verstehen hat. Der eine möchte einen möglichst geregelten Ablauf, ein anderer auf gar keinen Fall fragen die nicht zum aktuellen Thema sind, ein dritter möchte sich einfach nur über verschiedene Themen mit seinen Freunden unterhalten.
Außerdem ist es natürlich abhängig vom Thema des jeweiligen Channels wie sich denn »vernünftige Kommunikation« genau definiert. Ein Channel in dem ein Politiker Rede und Antwort zu verschiedenen Fragen steht hat da sicherlich andere Ansprüche als ein allgemeiner sozialorientierter Channel.
Über eine Sache scheint es jedoch einen allgemeinen Konsens zu geben. Leute, die flooden (viele Zeilen schreiben um andere bei ihrer Kommunikation zu stören), Takeover (Übernahme eines Channels, dazu später mehr) und Spammer (die unerwünscht Werbung an jeden schicken) gehören wohl in fast keinem Channel zur »vernünftigen Kommunikation«.
Aus den Bedürfnissen eine »vernünftige Kommunikation« zu gewährleisten entstand der erste Lösungsansatz: Der sogenannte Channel Operator. Ein Channel Operator ist eine Person, die besondere Befugnisse hat, um damit in diesem Channel für eine »vernünftige Kommunikation« zu sorgen.
Es wird somit eine Führungsschicht geschaffen, die »vernünftige Kommunikation« definiert und auch wie man diese herbeiführt. Wie auch in der Politik verlangt dies jedoch Verantwortungsbewusstsein – man ist nicht nur sich selbst gegenüber verantwortlich, sondern regelt auch die Belange anderer. Hier fallen Legislative, Judikative und Exekutive in einem Channel zusammen in die Hand derer, die den Channel Operator Status haben. Außerdem wird dieser Status nur von anderen Channel Operatoren vergeben, womit es sich in einem Channel um keine Demokratie handelt. Man kann nun argumentieren, dass es sich bei den Channel Operatoren um die eigentlichen »Bewohner« des Channels handelt, jedoch ist dies eigentlich selten der Fall. Desweiteren herrscht nur eine geringe Demokratie zwischen den Channel Operatoren, die sich gegenseitig ihren Status abnehmen können.
Somit ergibt sich die Situation, dass nur ein Teil der Channelbewohner den Operator-Status innehaben. Ihre Ansicht über eine »vernünftige Kommunikation« wird jedem im Channel auferlegt. Es handelt sich um keine speziell ausgebildeten Leute, es sind normale Menschen, die sich meist nichtmal ihrer Verantwortung bewusst sind. Ihr Handlungen sind von Emotionen und Gemütslagen beeinflusst, persönliche Meinungen und Vorurteile werden Regeln für den gesamten Channel. Dies führt teilweise zu richtiggehenden Klassenkämpfen und Kleinkriegen in den Channeln.
Als weit schwerwiegendere Konsequenz jedoch existiert mit dem Channel Operator Status eine Machtverteilung. Der Channel Operator muss zur Ausübung seines Amtes verschiedene Mittel zur Verfügung gestellt bekommen. Im IRC sind dies der obligatorische Kick, und Channelmodes wie Ban, Invite-Only und Moderated. Dies ist Macht, die vergeben wird, und Macht, die vergeben wird, bringt immer auch die Möglichkeit des Missbrauchs – Nicht nur von den Channel Operatoren selbst, sondern auch von außerhalb. Dieser Missbrauch ist das Ziel von Takeovern, es wird versucht die Macht des Channel Operator Status an sich zu reißen und gegen die (dann ehemaligen) »Herrscher« zu wenden.
Zusammenfassend gibt der Status des Channel Operators zwar die Möglichkeit der Kontrolle, jedoch bringt er in einem derartig freien Umfeld wie IRC unweigerlich die Probleme der persönlichen emotionalen Verfälschung und des Machtmissbrauchs mit sich.
Genau diese Kleinkriege, das Abreagieren persönlicher Probleme und die Überheblichkeit, die einige Channel Operatoren an den Tag legen, brachte mich dazu nach einer Alternative zu suchen.
Diese Alternative, der Zweite Lösungsansatz, existiert als das genaue Gegenteil der Idee des Channel Operators. Nicht eine Gruppe (hoffentlich) verantwortungsvoller »Herrscher« bekommen die volle Macht, sondern jeder einzelne erhält die Macht für sich und nur für sich alleine zu entscheiden. So erhält jeder die Verantwortung seine eigene Vorstellung von »vernünftiger Kommunikation« zu verwirklichen, und genau so viel Macht, um dies für sich und nur für sich alleine umzusetzen. Diese Macht nennt sich ignore.
Jeder kann nur für sich selbst Maßregeln, mehr noch, er wird dazu gezwungen, denn es hat sonst niemand die Macht dies für ihn zu tun. Diese Art der Kontrolle ist z.B. im Usenet schon seit langer zeit in Form der Killfiles Standard.
In dieser Form des Zusammenlebens gibt es kein Machtungleichgewicht das man auszugleichen sucht. Es gibt keinen Machtmissbrauch, denn niemand hat Macht die er missbrauchen kann. Die eigene Gemütslage und persönlichen Vorurteile können nun nur noch einen selbst betreffen.
Und auch ein Takeover wird hierdurch vollkommen sinnlos. Der
Channel kann nicht blockiert oder »beherrscht« werden, da es keine
Machtstrukturen gibt. Die einzige Möglichkeit, die bleibt, ist den
Channel durch einen Dauerflood temporär unbenutzbar gemacht wird. Doch
auch hier besteht weiterhin die Ausweichmöglichkeit auf einen anderen
Channel, z.B. +foo2. Und dieser Zustand kann im Gegensatz
zu der wirklichen Übernahme nur sehr kurz andauern.
Der zweite Lösungsansatz ist meiner Meinung nach wesentlich sinnvoller um eine »vernünftige Kommunikation« für jeden zu erreichen, da jeder für sich selbst entscheidet was er hören möchte und was nicht, und es keine Möglichkeit des Machtmissbrauchs gibt, der schon so viele Channel unbenutzbar gemacht hat.
Da ich zu oft mit ansehen musste wie der Status des Channel
Operators aus persönlichen Gründen oder auch nur aus einer Laune
heraus missbraucht wurde, nur um sein Ego aufzubessern oder seine
Überheblichkeit zu fördern, bin ich zu dem Entschluss gekommen, mich
auf +linux.de
aufzuhalten.